Die letzten Sonnenstrahlen gehen langsam in das Flackern von Neonreklame und Blaulicht über. Jeden Abend.
Ich will hier schon seit Monaten raus.
Aber heute ist anders. Am Anrufbeantworter blinken zwei neue Nachrichten. Ich gehe zu den Fotos am Kühlschrank, 15-Cent-Abzüge aus besseren Zeiten, nehme das Geld und steige in den schwarzen Lexus. Ich weiß nicht wohin, habe ich noch nie gewusst, und eigentlich weiß ich nicht mal woher. Aus einem Zweite-Klasse-Leben zwischen Belanglosigkeit und dem nächsten Gehaltsscheck?
Die Neunundzwanzigste ist eine Allee aus Erinnerungen. Die meisten von ihnen sind nicht sonderlich schön und mich überkommt ein klein wenig Stolz, sie hinter mir zu lassen. Was bleibt auch anderes übrig als jede seiner Entscheidungen für die Richtige zu halten?
An einem Stop-Schild halte ich in der Brandung des Selbstmitleids. Wie kann man das werden, was man immer gehasst hat, als man seine Träume noch barfuss im Gras hatte? Ein halbes Leben verschwendet mit Existieren.
Im Rückspiegel blendet ein Escalade auf.
Vorbei an den Parks, an den Leuchtreklamen und den Nebenstraßen, in denen man schon von Weitem die Junkies riechen kann. Diese Stadt war genau so schön wie hässlich und so lebendig, dass man nachts nur durch einen Blick in den Himmel erkannte, dass es überhaupt dunkel war. Ich wohnte glücklicherweise in einem dieser Bilderbuchvororte, in denen tagsüber in jedem zweiten Vorgarten jemand mit dem Gartenschlauch stand und die Einskaufsladenbesitzer noch keine halbautomatischen Waffen unter dem Tresen brauchten.
In der Tür stand meine Tochter und lachte. Es war einer der wenigen Tage, an denen ich dieses Bild erleben durfte. Eigentlich arbeitete ich länger und kam erst zurück, wenn sie schon in ihrem Bett lag. Unser einziger gemeinsamer Moment war an solchen Tagen ein Gute-Nacht-Kuss, weshalb wir uns in der Woche nie richtig nahe standen. Ich liebte sie abgöttisch.
„Wo ist Mami?“
Die Frage überraschte mich. Mami hatte angekündigt, dass sie heute zum Frühstück verabredet sei, hätte aber schon längst wieder da sein müssen.
Ich schloss auf. Emma setzte sich an den Flügel, während ich die Küche nach Nachrichten absuchte. Beethovens „Für Elise“ fand seinen Weg in meine Ohren. Ich überlegte, das Radio einzuschalten. Keinerlei Zettel auf Tresen oder Küchentisch, am Kühlschrank nur Emmas Zeichnungen.
Ein Stückchen Käse klebte auf ihrer Nase. „Nichts.“
„Nichts was?“
„Ach, nichts.“
„Wo ist Mami?“
„Mach dir keine Sorgen.“ Ich hatte vor lauter Sorgen schon unsere Telefonrechnung verdoppelt. Neben Anrufbeantwortern hatte ich aber nur drei bis vier ihrer ratlosen Freundinnen und einen Pizzaservice erreichen können.
wird fortgesetzt?